Autor: ticotb

Die vierte und fünfte Probenwoche

Die vierte und fünfte Probenwoche

In einem langsam heißer werdenden Kurdistan werden jetzt, Ende Mai, auch die Proben zu unserem Stück THE IRAQI CONFERENCE OF THE BIRDS intensiver. Immer öfter lassen der Choreograph Paolo und ich die allgemeineren Theaterübungen der Proben übergehen in Abläufe, die einmal eine Szene der Aufführung werden könnten.

Der Ramadan hat mit Beginn des Neumondes begonnen, und so ist ab jetzt auch der Mond mit seiner zunehmenden Sichel unser zuverlässiger Begleiter bei den abendlichen Proben draußen im Klosterhof. Immer noch sind diese Außenproben eine Herausforderung für alle: Selbst wenn man es schafft, die auch nachts aufgedrehten Kinder der Umgebung für Stunden vom Hof zu bugsieren: Während der Proben geht das normale Leben im Hof weiter. Nicht nur die Gäste des Klosters, auch Handwerker, Verwandte, Betende und der schon berüchtigte Hund des Küsters bringen sich ein — und uns aus dem Tritt. Theater ist hier im friedlichen Teil Kurdistans nicht so wichtig, das lernen wir Europäer wie störrische Schüler jeden Abend neu.

P1060672 Pater Jacques Mourad mit den Kindern der Containerdörfer

Manchmal ist es aber gar nicht schlimm, selbst in heißen Nächten im Probenraum zu bleiben: Viele der selbst erfundenen Szenen der Gruppe sind noch zu brüchig, zu zart, um den Außenraum füllen zu können. Weder den Kindern, dem Hund, schon gar nicht dem Nachthimmel könnten sie schon standhalten.
Mutige Geschichten sind es, die die Teilnehmer der Gruppe entwickelt haben: Von einsamen Stunden am Morgen, in denen man Feirouz hört und sich nach seinem Balkon in Damaskus sehnt. Von den zitternden Händen des Vaters nach einem Bombenangriff, die eine beginnende Krankheit andeuten und am Schluss zum Koma führen werden, von Müttern, vor deren Tod man Angst hat, weil man davon per Whatsapp erfahren würde.
Geschichten von Gewalterfahrungen und extremen Verunsicherungen, bei denen selbst wir vom deutschen Team immer wieder ungläubig nachfragen, ob die Schauspieler diese Geschichten wirklich als Teil der Vorstellung erzählen wollen. Doch ja, sie wollen. Manche der Geschichten werden sich im Laufe der Proben verändern, manche werden nicht jeden Abend vorkommen — aber bis zu letzten Vorstellung wird die Szene, in der die Schauspieler einer nach dem anderen das Mikrophon nehmen und leise und eindringlich über ihr Leben berichten, für mich der stille Höhepunkt unseres Abends bleiben. Und alles andere, die Tänze, die Dialoge, die leichteren Zwischenspiele scheinen wie Vor- und Nachbereitungen dieses heißen, leisen Zentrums.

Unter anderem deshalb ist bei den Kinderproben unklarer denn je, wie sich ihre Szenen mit denen der Erwachsenen in nur wenigen Wochen zu einem Ganzen fügen sollen. Wie mit der anarchischen Energie der Kinder umgehen? Sie mit Disziplin in einen konventionellen durchgetakteten Theaterabend pressen ? Oder den Szenen den Übermut lassen, als Gegensatz zur Trauer und Sinnsuche der Erwachsenen? Auf dem verwuselten Markt in unserem Viertel entdecke ich seltsame, holzgeschnitzte rohe Spazierstöcke für alte gebrechliche Leute. Ohne richtig zu wissen warum, kaufen wir ein Dutzend davon für die Kinder und erfinden mit ihnen einen Tanz, mit dem sie sich über die Alten lustig machen dürfen, im Tanz die Stöcke wegwerfen und jung und ausgelassen tanzen. Irgendwo im Stück wird dieser Moment schon passen …

Inzwischen gehen die Vorbereitungen fürs Bühnenbild voran: Obwohl man sich bei der Hitze tagsüber lieber in die kühle Kapelle des Klosters legen würde, muss über Kostüme nachgedacht, müssen mehr Podeste konstruiert und geschreinert, und vor allem muss endlich ein Bühnenvorhang gekauft werden. Wir entscheiden uns für klassisches Dunkelrot. Nur genau diese Farbe ist dann, wie immer, in der großen Menge nicht auf Lager beim freundlichen Stoffverkäufer auf dem Markt, der immer denkt, er käme dem Sprachproblem von uns Deutschen bei, indem er alle Verkaufsgespräche auf Holländisch mit uns führt. Schliesslich enden wir halb arabisch, halb holländisch bei einem Vorhangstoff in schreiendem Blutrot, auch gut. Und dann plötzlich der Stolz, als der Zuschneider mit gekonnten, ausholenden Bewegungen die 50 Meter Stoff aufmißt: Unser erster eigener Bühnenvorhang, selbst gekauft und genäht — danke, Auswärtiges Amt, danke ihr Spender bei Kickstarter!

Conference of the Birds Rehearsals-7296

Unterdessen gehen die Vorbereitungen für die Gastspiele in den Flüchtlingscamps weiter. Als nächstes ist ein Treffen im Syrian Refugee Camp geplant, das allgemein als das einfachste und zugänglichste Lager beschrieben wird: Die Syrer gelten im Irak — durch welches positive Vorurteil auch immer — als die kulturell interessiertesten Menschen, zudem haben wir mit der dort stationierten italienischen NGO „un ponte per“ einen Partner, der die Idee von Theater für die Camp Bewohner begeistert aufgegriffen hat. Sogar in ihrer neuen Mehrzweckhalle können wir spielen.
Es erweist sich als Irrtum, dass dies der einfachste Auftrittsort sei — denn die Leitung des Camps scheint, obwohl freundlich, nicht sehr organisiert. Das merken wir schon beim ersten Treffen mit den gewählten Vertretern der Einwohner des Camps: Sie wissen von dem Termin nichts, versuchen jetzt, wo wir da sind, teils hektisch, teils erbost auf die kurdische Lagerleitung, die sie vergessen hat zu informieren, alle wichtigen Vertreter zusammen zu trommeln. Uns ist das peinlich, es gibt keinen Raum, es gibt keine Zeit, und vor allem haben diese Menschen an diesem Morgen ganz andere Dinge zu tun als deutschen Theatermachern zuzuhören. Auch als nach einer Stunde endlich fast alle Vertreter versammelt sind und für das Treffen ein Büro in der Größe einer ICE-Behindertentoilette aufgetrieben worden ist, explodieren just in diesem Büro die Probleme: Die Lagerleitung hat gerade den Prozess gestoppt, dass die neuen Bewohner ihre Identity Cards bekommen, und noch durchs offene Containerfenster bricht sich die Wut der Geflüchteten Bahn: Ohne diese ID-Cards können sie nichts tun, nicht mal das Lager verlassen. Mitten in all dem Streit raunzt uns schliesslich einer der Ältesten im Raum an: „Also, was ist das jetzt mit dem Vogel-Theater?“ Ich habe große Mühe nicht zurück zu raunzen, und sage mein humanistisches Sprüchlein auf: Über unser Stück der spirituellen Sinnsuche der Vögel, die eigenen Geschichten der Schauspieler — dass viele der Spieler aus Syrien sind betone ich besonders — unsere Frage nach der Sicherheit im Lager, unseren Wunsch, dass viele Frauen die Vorstellung sehen sollen. Egal welches Thema wir anschneiden, es geht mit den überarbeiteten Männern in dieser Runde nur langsam in freundlichere Fahrwasser. Der Einzige der gewählten Vertreter, der mir immer freundlich zunickt, wird nach 10 Minuten aus dem Raum gerufen, und ich denke am Ende der Sitzung: Das wird nichts, wir werden hier entweder gar nicht oder vor leeren Reihen spielen.

Doch je länger ich brauche, um das Projekt vorzustellen, desto weicher wird der Mann und mit ihm die anderen Ältesten. Als ich dann erwähne, dass wir aus Deutschland sind, scheint das Eis gebrochen: Der Sohn des Ältesten ist in Deutschland, erzählt sein Vater stolz. Wieder ein Junge, der irgendwo in der thüringischen Provinz mit der Last fertig werden muss, die Hoffnung einer ganzen syrischen Familie zu sein, denke ich. Aber nein, erstens ist er in der Nähe von Münster und zweitens geht es ihm gut. Was er denn da macht, frage ich höflich. Er studiert. Was denn? Deutsch und Body Building, erzählt der Vater und wird nicht müde, all das mit Photos zu belegen: Wir sehen einen schmächtigen Jungen, der vor einer Backsteinkirche selbstbewußt in die Kamera lacht. Noch nie habe ich einem Bodybuilder so viel Glück bei seiner Karriere gewünscht wie diesem Jungen an diesem Morgen. Das Treffen im Lager endet mit gegenseitigen Glückwünschen und der Hoffnung, dass unser „Vogel-Theater“ dort eine Chance hat.

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Shahin, unser Techniker, ist unermüdlich und überrascht uns ständig: Mal, indem er die neuen Podeste innerhalb nur eines Tages zusammenbaut, mal indem er uns völlig ungeplant großartiges Licht einrichtet für eine Nachtprobe im Garten. Uns deutschen Naivlingen war ja beim Beginn des irakischen Projekts eines nicht klar: Wir kommen gar nicht nur, um eine Produktion zu machen, wir sind dabei, ein ganzes Theater zu gründen, ob wir das wollen oder nicht. Umso schöner, dass in dem Moment, wo uns das langsam dämmert, es auch immer klarer wird: Wenn wir ein ganzes Theater sein müssen, ist Shahin mit seiner Arbeit als Schreiner, Beleuchter, Bühnenmeister, Ein-Mann-Werkstatt, technischer Leiter, Disponent und Teekocher mindestens das halbe Theater. und immer deutlicher wird uns, dass dieser theater- und menschenliebende mit Schwester Friederike und Pater Jens das Herzstück unserer Unternehmung ist.

Apropos Schwester Friederike: Sie war es, die uns inzwischen überredet hat, Mark, den verschlossenen, fast autistischen Jungen, der am Anfang beinahe die Kindergruppe gesprengt hätte, wieder in die Proben aufzunehmen. Und zu meiner Beschämung ist der Junge wie ausgewechselt und wild entschlossen, dabei zu bleiben. Trotz seiner enormen Konzentrationsschwierigkeiten tut er alles, um es richtig zu machen. Bis zum Schluss wird es für mich zu den wichtigsten Momenten der Aufführung gehören, wenn Mark zum Rundtanz der Kinder freudestrahlend meine Hand nimmt, mit der anderen Hand den Kreis schliesst — und sich sofort vertanzt, strahlend.

Die dritte Woche im Irak

Die dritte Woche im Irak

 

Eine gute Nachricht zu Wochenbeginn: Die Leitungen der Camps haben zugesagt, dass wir Treffen mit den gewählten Vertretern der Geflüchteten verabreden dürfen. Das ist dringend nötig, denn wir haben viele Fragen vor den Gastspielen mit unserem Stück: „Die irakische Konferenz der Vögel“: Zum Beispiel müssen wir rausfinden, wo die Fettnäpfchen sein könnten — das reicht von Ort und Uhrzeit bis zum Inhalt, schließlich wollen wir weder vor leerem Haus spielen noch eine Massenprügelei verursachen mit unserem Sufi-Märchen.
Die Lagerleiter äußerten bei den ersten Treffen ganz widersprüchliche, teils irrationale Ängste: Ist ein Theaterstück im Ramadan akzeptabel? Sind Jesiden vielleicht not amused wenn man ihre verehrten Vögel auf die Bühne bringt? Aber vor allem: Wie garantieren wir den sozialen Frieden und die Sicherheit aller Beteiligten (oder auch ganz einfach: wie verhindert man zum Beispiel, dass – so wie letztes Jahr im Kloster geschehen – Dutzende begeisterter Kinder die Bühne kapern und mitspielen wollen?) Die Schauspieler, die zum Teil selber mit NGOs in den Lagern arbeiten, berichten sogar von angedrohten Prügeln der Bewohner.

Die Proben gehen unterdessen voran: nach den Tälern, die die Vögel durchschreiten (jeder Schauspieler suchte sich eins aus), nach sehr komischen Improvisationen, warum man zu so einer harten Reise, wie der Sufi-Mystiker Attar sie beschreibt, vielleicht gar nicht aufbrechen will, geht es in dieser Woche um die Geschichten, die sich die Vögel während der Reise erzählen. Man merkt die Aufregung bei allen Beteiligten: Macht der deutsche Regisseur wirklich Ernst mit seiner Ankündigung, dass alle eine private Geschichte erzählen? Werden die Schauspieler sich trauen, von ihren harten Reisen zu berichten, die für sie traumatisch waren? Jetzt, da sie hier im kurdischen Teil des Irak sicher sind?
Wir retten uns erst einmal mit einer Vorstufe — der persönlichen Nacherzählung von Geschichten aus dem Epos selbst: Die Prinzessin, die sich in den Sklaven verliebt, die Nachtigall, die ihre Rose vermisst. Geschichten, bei denen man aussuchen kann, ob man in die Tiefe gehen will oder sie sich mit 1001-Nacht-Schmelz vom Leibe hält.
Bis dann Mohammed, einer der talentiertesten, aber auch selten anwesenden Darsteller alle mit einer Erzählung aus dem Buch überrascht, die wie eine Bombe einfährt: Der Engel Eblis weigert sich als einziger himmlischer Engel, sich vor dem Menschen zu verbeugen, dem neuesten Geschöpf Gottes. Dafür wird er von Gott als Rebell und Verräter verflucht, doch er hat als einziger Adam in seiner Mangelhaftigkeit gesehen. Durchs Ensemble geht ein Raunen, als er die Geschichte vorspielt: darf man das? Darf man Eblis darstellen, der nach diesem Fluch als Scheitan, also Satan, weiter durch Koran und Bibel geistert? Mohammed, der seine vielköpfige Familie ernähren muss, weil Vater und Bruder nach Deutschland geflohen sind, findet: ja. Er besteht darauf. Unsere Aufgabe ist es, diese Szene zu rahmen und zu schützen.

XP1080500 1. Probe mit dem Bühnenpodest

Im Kloster sind wir, die deutschen Theatermacher, mittlerweile bekannt wie die bunten Hunde: Auch wenn man uns beim Frühgebet vermisst, nähern sich uns die übrigen Klosterbewohner bei den gemeinsamen Essen und outen sich als Theaterliebhaber. Pater Jihad, zum Beispiel, ein arabischer Priester aus dem Mutterkloster Deir Mar Musa in Syrien, unterhält beim süßen syrischen Nachtisch das ganze Kloster, indem er ein 70er-Jahre-Musical der libanesischen Sängerin Fairouz vorsingt: Über den grausamen Herrscher und den standhaften Türsteher, der ihn nicht durchs Tor lässt. Es zeigt sich, dass Jihad das halbe Singspiel auswendig kennt, und er springt gekonnt, wahlweise grausam und standhaft von einer Rolle in die nächste. Während wir Tränen lachen, denke ich: Das kann sich in Deutschland auch niemand vorstellen, ein katholischer Priester, der Jihad heißt, singt uns beim Abendessen in einem irakischen Kloster ein libanesisches Musical vor.

Bei den Kindern nähern wir uns dem Topos der erschöpften Vögeln anders: Wir erzählen ihnen zunächst die Geschichte, und lassen sie dann malen: um zu sehen, was sie daran interessiert. Während die Mädchen ein Bild nach dem anderen mit bunten Pfauen bemalen, die durch tiefe Täler marschieren, tun sich die Jungen schwer— bis auf Frantz, ein schmaler Junge, der viel blödelt und riesige traurige Augen hat. Er malt ein großes Schiff, auf dem die Vögel zusammen um die Welt fahren, das findet er praktischer als zu Fuß. Viel Tränen dagegen bei einem anderen Jungen: Weil er nicht aufgehört hat, die Anderen beim Tanzen zu treten, wollen wir ihn aus der Gruppe nehmen. Er soll uns in den nächsten Tagen überraschen, als er zur „Theaternonne“ Schwester Friederike geht und inständig bittet, wieder in die Gruppe der Kindervögel aufgenommen zu werden.

Ein Problem taucht auf, mit dem der deutsche Stadtheaterregisseur noch nie konfrontiert war: Was machen wir während des Ramadans mit dem Fastenbrechen der muslimischen Schauspieler? Jeden Tag müssen die Mitspieler, die seit dem Morgengrauen weder gegessen noch getrunken haben, nach Sonnenuntergang ein gutes, üppiges Essen bekommen. Wenn sie das bei ihren Familien essen, und sich dann erst auf den Weg zum Theater machen, kann man eine Abendprobe vergessen. Wir versuchen, aus dem Problem eine Chance zu machen und beauftragen eine syrische Köchin, in den nächsten Probenwochen für die ganze Theatergruppe in der Klosterküche zu kochen. Das iftar, das muslimische Fastenbrechen wird dann jeden Abend um kurz nach sieben, also direkt nach der Marienandacht stattfinden: Herrlich! Und nachts auf meinem Zimmer das Kleingedruckte: wie beschreibe ich das jetzt im Förderantrag fürs Auswärtige Amt? Als „Catering“?
Das Bühnenbild macht derweil Fortschritte: Mehr Podeste werden geschreinert, Angebote für den Teppich werden eingeholt. Shahin, der Techniker, dessen Tochter Nadin bei den Kindern eine der tollsten Schauspielerinnen ist, weich und offen und wach, sägt und feilt unermüdlich, baut uns die Tonanlage im Klosterhof auf und freut sich über jede Albernheit der Schauspieler.

Am Abend wieder Proben mit den Musikern. Der persische Geiger kommt strahlend ins Kloster: Rohani hat im Iran die Präsidentschaftswahl gewonnen, der gemäßigte persische Präsident, der das Land sanft zum Westen öffnet, ist die Hoffnung aller iranischen Exilanten. Das ganze Ensemble versammelt sich hinter dem Smartphone des Geigers und guckt Videos von jubelnden, singenden Menschenmassen in Teheran. Dementsprechend inspiriert ist die Probe. Auch für mich als Regisseur, der ich immer wieder daran verzweifele, dass die Spieler bei den Proben im Rosengarten nicht endlich mutiger ihre Stimme erheben, gibt es Trost, als eine der Schauspielerinnen mich in der Teepause vertraulich zur Seite zieht und sagt: „Seit Jahrzehnten können wir auf der Strasse nicht mehr laut unsere Meinung sagen — wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen, dass wir das hier auf einmal dürfen. Du mußt Geduld mit uns haben.“

XP1080675 Proben fü den Traum vom Alt-sein (1)

Geduld braucht man auch bei den Kinderproben am nächsten Tag: zwar kommen sie jetzt, nach dem Ende der Schulprüfungen, endlich halbwegs regelmäßig zu unseren Proben, aber von Theaterszenen sind wir noch weit entfernt. Viel Spass haben sie bei einer Szene, bei denen sie aus den Koffern und Tüten kommen, die die geflüchteten wandernden Vögel zu Beginn zur Bühne schleppen (bevor sie im „Tal der Entsagung“ alles Gepäck hinter sich lassen müssen) — um dann den erwachsenen, erschöpft schlafenden Vögeln einen Traum bereiten zu dürfen. Im Moment sind es eher Alpträume, so grob zerren die Kinder an den armen Schauspielern herum, aber es ist ja erst in vier Wochen Premiere. Am Ende der Proben ein Schock: Einer der Jungen sagt eher beiläufig, dass er und viele andere der christlichen Kinder bei der Premiere ja leider nicht da sein können, weil sie mit ihren Eltern in ihre Heimatdörfer zurückkehren wollen um dort die ausgebrannten Häuser zu putzen und zu renovieren. Tatsächlich ist, seitdem christliche Siedlungen wie Karakosh zurück erobert wurden, die Hoffnung zum Greifen nah, dass die Geflüchteten rund ums Kloster bald in ihre Heimat zurückgehen können. Aber doch bitte nicht gerade in unserer Endprobenwoche! Ein eilig einberufenes Treffen mit den Eltern bringt Erleichterung: Noch bevor das deutsche Regieteam vom Übersetzer rausbekommen hat, was „Endprobenwoche“ eigentlich auf arabisch heißt, erklären sich die Familien bereit, erst NACH der Premiere in ihre verbrannten Häusern zu gehen und zu putzen.
Die Peschmerga-Kämpfer, die vor dem Kloster postiert sind, um uns zu bewachen, langweilen sich den ganzen Tag — zum Glück, es gibt keine Bedrohung. Sie wischen, ihre Kalaschnikow über der Schulter, lustlos auf ihren Smartphones herum. Heute aber nicht: Ein junger Wachsoldat hat ein Eichhörnchen mitgebracht und alle staunen es lachend an. Das kurdische Eichhörnchen knabbert ungerührt an einer Nuss und guckt seelenruhig zurück auf die Gruppe bewaffneter lachender Männer

Am Ende der Woche unser erstes Treffen mit den gewählten Vertretern aus dem Arbat Flüchtlingscamp: Zwanzig Menschen sitzen uns gegenüber, Männer und Frauen. Konservative Scheichs in weißen langen Gewändern mit perfekt gestutztem Bart, verschleierte Frauen und streng schauende ältere Herren mit Gebetsketten in den Händen, aber auch neugierig nickende junge Männer in Trainingshosen. Anspannung auf beiden Seiten. Wir haben beschlossen, das Projekt auch inhaltlich vorzustellen, also fange ich wieder an mit der beschwerlichen Reise der Vögel, die aufbrechen, um den Sinn des Lebens zu finden, und dabei an ihre Grenzen kommen. Ich bin nervös, weil ausgerechnet heute unser genialer Übersetzer Harem bei einem NGO-Frauenkongress arbeiten muss, und uns nicht beistehen kann. Stattdessen hat er seinen älteren Bruder geschickt, den ich nicht einschätzen kann. Kurz vor dem Treffen hatte ich wie nebenbei erfahren, dass dieser Bruder, Hemen, in Kurdistan ein berühmter Schriftsteller ist. Und dieser Mann wird heute Vormittag in diesem Verwaltungscontainer voller strenger Herren, der langsam von der gleißenden Sonne aufgeheizt wird — er wird unser absolutes Glück sein. Schon bei meinen Schilderungen des Sufi-Epos merke ich, dass er viel mehr übersetzt als ich sage, bis mich mitten in meinen Reden der am grimmigsten dreinblickende Scheich unterbricht und übersetzen lässt: „Wir haben verstanden, die Vögel, das sind wir. Wir haben kein Heim und lassen uns überall nieder.“ Wir sind verblüfft und sprachlos: Statt einem Gespräch über Security und Bestuhlung entwickelt sich ein Dialog über Flucht und Unbehaustsein. Selbst alle anderen heiklen Punkte scheinen kein Problem zu sein: Der gemeinsame Tanz, unsere Bitte, auch und vor allem die Frauen zu den Vorstellungen kommen zu lassen — alles wird begrüßt und genehmigt. (Unser Autor-Übersetzer gesteht uns später im Pick-Up die Wahrheit: „Ich habe ihnen einfach gesagt: Kommt Leute, ihr seid Iraker, ihr habt Kultur seit 4000 Jahren“). Und wir sind froh, uns für dieses Treffen eingesetzt zu haben, jetzt, wo die Lagerbewohner derart auf das Thema einsteigen.
Was für eine Verantwortung wir haben, zeigt sich am Schluß der Sitzung, als derselbe strenge Scheich noch einmal die Hand hebt: „Bitte: Wie endet das Stück? Schaffen die Vögel es, an ihr Ziel zu kommen? Schaffen wir es nach Europa? Oder müssen wir für immer hier bleiben?“ Ich schaue ratlos auf die Resopaltischplatte vor mir und sehe darauf den blauen verblassenden UNHCR-Stempel. Was soll ich diesem würdigen Mann auf seine klare Frage sagen? Muss der Scheich, der sich als Vogel begreift, für immer hier bleiben?

Die zweite Woche im Irak

Die zweite Woche im Irak

Die Idee der Begegnung und Aussöhnung von Christentum und Islam — und darüber hinaus aller Religionen — steht im Mittelpunkt der Arbeit der Ordensgemeinschaft Mar Musa, die ursprünglich in Syrien gegründet wurde. Dieser Idee ist auch das auf mehrere Jahre angelegte Engagement von Regisseur Stefan Otteni und Choreograph Paolo Ragano im Nordirak verpflichtet: Auf dem Klostergelände von Maryam al-Adhra, dem irakischen Ableger des Ordens, erarbeiten sie mit geflüchteten Syrern und Bewohnern der Stadt Sulaymaniyah Theaterprojekte und leisten damit einen künstlerischen Beitrag zur Versöhnung zwischen den Religionen und Nationen. Ihr erstes Stück, Die irakische Konferenz der Vögel, wird im Juni Premiere haben.

Probentagebuch – zweiter Teil

Die zweite Woche beginnt mit der ersten Kinderprobe: Bei den meisten sind endlich die Prüfungen in der Schule vorbei, sie können die Nachmittage mit uns verbringen. Bei einigen aber gehen sie bis kurz vor der Premiere – da braucht es viel Überredungskunst und Einzelbesuche, um die Eltern zu überzeugen, dass Theater nicht nur Zeitvertreib und Rumhampeln ist, sondern auch soziales Lernen und Fokussieren, das den Kindern selbst bei Hausaufgaben zugute kommt.

Da die Kinder nur nachmittags proben können, die Erwachsenen nur abends, braucht es einige logistische Anstrengungen, sie in einer Produktion zusammen zu bringen. Wir planen, mit den Kinder in separaten Proben eine eigene, verspieltere Ebene von Attars Vogelreise zu entwickeln: Immer, wenn die erwachsenen Vögel sich nach einer Etappe zum Schlafen legen, werden die Kinder ihre Träume spielen. Wenn das mal gut geht…

Wir wollen aus den Anfängerfehlern des letzten Jahres lernen und die Gruppe nicht zu groß werden lassen. Bei den Spielen und Tänzen zeigt sich wieder: Einige der Kinder brauchen keine deutschen Regisseure, sondern kurdische Sonderpädagogen, so traumatisiert und sozial ungelenk sind sie. Auch wenn alle mit Begeisterung dabei sind: Geschlagen und getreten wird sowohl bei den Kreistänzen als auch bei den Vogelimprovisationen.

Am nächsten Tag große Anspannung: Antrittsbesuch in den Lagern. Mit unserem Übersetzer Harem, auch ein Genie im Türöffnen in alle sozialen Milieus, die für uns neu und voller Fettnäpfchen sind, treffen wir die Lagerleiter der drei größten Camps um Sulaymaniyah. So unterschiedlich die Camps sind, so unterschiedlich die Bedingungen und Bedenken bei der Vorstellung unserer Pläne, für die Bewohner aufzutreten: Während man in Baraka, dem Syrian Refugee Camp begeistert ist, eine Infrastruktur und Erfahrung mit Veranstaltungen hat, sind in den IDP* Camps die Bedenken größer: Im ersten Camp hat der theaterinteressierte Herr Tariq Bedenken, dass Theaterspielen im Ramadan bei den konservativen Bewohnern mehr Unmut als Freude stiftet, vor allem, wenn Männer und Frauen zusammen tanzen. Sollen wir anbieten, das Stück ohne Tänze zu zeigen?! Im Ashti-Camp sind die sozialen Spannungen zwischen Muslimen und Jesiden das vorherrschende Thema. Hier gibt es keine Halle, und der Hof der Lager-Schule fällt als Spielort aus, da sich dort die Jesiden nicht sicher fühlen. Wir wollen aber gerade diese Gruppe ansprechen: Mit ihrer sehr eigenen Glaubenswelt, in der Melek Taus, der „Engel Pfau“ als Hauptgottheit verehrt wird, haben die Jesiden eine besondere Beziehung zu Vögeln. Der einzige Platz, der in Frage kommt, ist mehr Brache als Versammlungsort. Was werden die Schauspieler zu diesem ungeschützten Ort sagen?
Alle drei Camp-Leiter machen zur Bedingung, dass wir die Erlaubnis bei der UNHCR-Leitung beantragen. Die trifft sich hochherrschaftlich zum großen Clustermeeting am Ende der Woche. Wie kommen wir rein? Harem verspricht, sein Bestes zu tun.

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Im Kloster unterdessen ein Kommen und Gehen: Besuch aus Kanada, Italien, Frankreich, Syrien. Huda, seit Pater Paolos Verschleppung Leiterin des Ordens, ist eine bescheidene, liebenswürdige syrische Frau, die gerne lacht und alle still beobachtet, als könne sie nicht glauben, dass sie ausgerechnet hier versammelt sind. In der Seitentür des Kloster-Pick-ups entdecke ich eine Ausgabe des letzten Buch des Ordensgründers Paolo Dall´Oglio: „Die Wut und das Licht“, in dem er mit dem syrischen Regime wie auch den westlichen Regierungen hart ins Gericht geht. Eine eminent politische Sicht des Evangeliums wird hier beschrieben und gelebt.

Am Abend: die Musiker sind da! Vier Musiker, die sich lange kennen, haben sich bereit erklärt, mit uns sechs Wochen lang zu proben: Nur für die Konzerte mit dem Sulaymaniyah Philharmonic Orchestra müssen sie fehlen. Geht klar, wir können sie uns eh nur dreimal die Woche leisten – und fangen, überglücklich, endlich von den Tonkonserven wegzukommen, gleich nach dem ersten Tee mit dem Improvisieren an. Die Musiker, das sieht man ihnen an, haben so etwas noch nie gemacht, sagen aber aus Höflichkeit nichts, sondern machen amüsiert alles mit. Der persische Geiger baut immer wieder kleine Stücke von Bach und Mozart ein und blinzelt mir verschmitzt zu: Indogermanen unter sich. Während der Übersetzer ins Schwitzen kommt, weil er jetzt in drei Sprachen parallel übersetzen muss: arabisch, kurdisch, persisch.

Beim Schreiner, der unsere Bühne herstellt, stehe ich wie ein Kolonialherr herum, verstehe kein Wort und sehe dabei zu, wie ein halbes Dutzend Männer nickt, raucht, an Hölzer fasst, und sich am Kinn kratzt. Die Wahl der Materialien wird geklärt, arabische Zahlen werden auf Zettel geschrieben. Dann ist man sich einig: Ein Kurde, ein Perser und ein Christ aus Quarakosh werden im Irak mit Holz aus Kanada, Deutschland und mit thailändischen MDF-Platten eine Bühne für arabische, kurdische und deutsche Schauspieler bauen.

Die Proben mit den Erwachsenen machen große Freude: Die vier Musiker sind ein großer Gewinn: Sogar improvisieren können sie! Wir lassen jeden Schauspieler ein Instrument als Partner für ihre Figur aussuchen – die Dialog-Improvisationen gehen regelmäßig in Gelächter unter: Worte sind eben nicht alles. Die Tänze werden wie aus dem Nichts zu einem neuen Niveau von Melancholie gehoben, wenn Saz, Klarinette, Geige und die kurdische Trommel Daf sie begleiten.

Übersetzer Harem, der Gutvernetzte, hat es tatsächlich geschafft uns in die UNHCR-Sitzung zu schleusen: Wir werden genau fünf Minuten haben, um unser Projekt vorzustellen. Auf dem Dach des Klosters, wo wir wegen der vielen anderen Gäste, in der Kapelle untergebracht sind, probiere ich laut vor mich hin, um das Projekt so knapp zusammen zu fassen. Die Schwalben Kurdistans, die wegen des kommenden Gewitters tief an mir vorbeifliegen, schauen ungerührt zu.

Morgens wieder beim Schreiner, der Prototyp für die Podeste soll begutachtet werden. Passiert ist gar nichts, eine ganze Strasse Handwerker sitzt schlecht gelaunt in der Sonne herum, der Strom ist wieder mal ausgefallen. Wir beraten was man tun kann: Es gibt einen Generator, aber das Benzin dafür ist zu teuer. Ich lerne das schöne kurdische Wort für „Generatoraufschlag“, vereinbare den Preis, das alte Gerät wird qualmend angeworfen, und unter den Augen der ganzen Strasse entsteht unser erstes Bühnenteil. Der Lastenträger, ein älterer Herr in Pumphosen, legt es und das restliche Holz auf einen Wagen und schiebt ihn ins Kloster.

Danach Fahrt in den vornehmen Teil der Stadt: Die Sitzung im UNHCR-Hauptquartier beginnt. Viele wichtige Herren und Damen aus 15 Nationen sitzen um einen schweren großen Holztisch herum, der, mit Wimpeln bestückt, den absurden Prunk eines oval office kopiert, und diskutieren die anliegenden Probleme der Lager: Die Stadt Sulaymaniyah hat in den letzten Jahren ihre Bevölkerung durch die Geflüchteten fast verdoppelt, auf jetzt knapp 2 Millionen Einwohner. Endlich sind wir dran – und auf einmal ist alles ganz einfach. Herr Karman, der kurdische Leiter des UnHCR, findet das Projekt gut und bittet alle, von Lagerleitung über die NGOs bis zum Geheimdienst, uns zu unterstützen. Viel freundliches Nicken, viel tamam (alles klar). Tee wird gereicht. Etappensieg.

Euphorisch geht’s zu den Kinderproben. Es stehen schwere Entscheidungen an: Soll man die schwierigsten autistischen Kinder vom Projekt ausschließen, um die Gruppe zu retten?
Schwester Friederike vom Kloster Maryam Al-Adhra stehen schwere Gespräche mit den Eltern bevor.

Große Aufregung wegen Shahab, dem Kölner Dokumentarfilmer, der unsere Probenzeit begleitet. Bei den Kindern ist der freundliche Zwei-Meter-Mann mit seinem langen Haaren und dem langen Bart sehr beliebt – bei den Peschmerga-Wachen vor dem Kloster löst er dagegen einen mittelschweren Großalarm aus, als er sich zum ersten Mal auf dem Dach des Klosters zeigt: Frisur und Kleidung lassen ihn exakt so aussehen wie die europäischen IS-Kämpfer rund um Mossul. Obwohl er sich dann offiziell beim Wachdienst vorstellt, rät ihm die Klostergemeinde beim Frühstück geschlossen: Wenn er hier ein ruhiges Leben haben will, muss der Salafistenbart ab.

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Umaima, Schauspielerin und bei uns Regieassistentin, möchte uns zu einem syrischen Abendessen einladen. Wir sagen zu, ohne zu wissen, was uns erwartet: Wenn es Tische gäbe, würden sie sich biegen – wir aber essen auf dem Boden, ein Dutzend Speisen in Mengen warten auf uns. Mit dabei auch die kleine Rojda aus der Kindergruppe, die uns schon vor dem Essen zeigen will, dass sie die Tanzschritte aus der letzten Probe geübt hat. Sie und ihr kleiner Bruder Omar sind mit den Eltern aus dem syrischen Kurdistan hierher geflohen. Die scheinbar unbeschwerten Kinder haben mehr mitbekommen von Krieg und Vertreibung, als wir uns vorstellen können. Mitten im Gespräch der Erwachsenen dreschen sie immer wieder auf ihre mitgebrachten Handpuppen ein: „This is what war has done to our children“ sagt Rojdas Mutter ernst, als sie sieht, wie erschrocken ich bin.

Abendprobe: Das erste Mal machen wir die Tänze mit Livemusik im Original Bühnenraum, also dem Klostergarten, vor allem für die Schüchternen eine große Mutfrage. Weil der cholerische Hund des Küsters das ganze erste Stockwerk zusammen bellt, fängt die Außenprobe viel zu spät an, aber wütend werden hilft hier nichts, und so beginnen die Schauspieler eben erst weit in der Dämmerung mit ihrem Tanz an, tanzen ins Dunkle, tanzen schließlich, ohne irgendwas zu sehen, einfach weiter. Selbst der gestresste Regisseur muss zugeben: Etwas Schöneres kann es nicht geben, als unter einem kurdischen Sternenhimmel zu tanzen mit einem wütenden Pudel, vier verwirrten Musikern und zehn Schauspielern, die einander blind vertrauen.

The Iraqi conference of the birds

The Iraqi conference of the birds

Die Idee der Begegnung und Aussöhnung von Christentum und Islam — und darüber hinaus aller Religionen — steht im Mittelpunkt der Arbeit der Ordensgemeinschaft Mar Musa, die ursprünglich in Syrien gegründet wurde. Dieser Idee ist auch das auf mehrere Jahre angelegte Engagement von Regisseur Stefan Otteni und Choreograph Paolo Ragano im Nordirak verpflichtet: Auf dem Klostergelände von Maryam al-Adhra, dem irakischen Ableger des Ordens, erarbeiten sie mit geflüchteten Syrern und Bewohnern der Stadt Sulaymaniyah Theaterprojekte und leisten damit einen künstlerischen Beitrag zur Versöhnung zwischen den Religionen und Nationen. Ihr erstes Stück, Die irakische Konferenz der Vögel, wird im Juni Premiere haben.

Probentagebuch

In den nächsten Wochen wird Regisseur Stefan Otteni hier regelmäßig Notizen aus seinem Arbeitstagebuch veröffentlichen, um alle, die es interessiert, teilhaben zu lassen.

Woche 1:

Zurück in Sulamaniyah! In Deutschland erschien es uns, als sei unser Workshop im Irak eine Ewigkeit her — hier aber, nach der begeisterten Begrüßung voller Wiedersehensfreude bei allen, fühlen wir uns, als seien wir gar nicht lang fort gewesen. Das liegt an der Herzlichkeit der Klosterleute wie am Engagement unserer Spieler und des ganzen Teams.

In den ersten Tage geht es ums inhaltliche Sondieren, um die Verständigung: Was sagt uns eigentlich Attars Konferenz der Vögel? Wie viel von den Geschichten, Inhalten, Werten, kann heute noch davon verstanden — und bejaht werden? Für uns Europäer ist eine immer wieder überraschend, wie sehr die Teilnehmer die alten Sufi-Geschichten auf ihr Leben, auf ihre Reise beziehen. In den Proben dann lässt sich beobachten: Das handwerkliche Können mag kleiner, versteckter sein als bei europäischen Schauspielern, aber der Wille zum eigenen Ausdruck ist sehr stark. Keiner der Beteiligten möchte, dass der Regisseur ihnen einfach nur „Kunst beibringt“ , alle wollen ihre eigene Sprache finden.

Man staunt in der Gruppe über die Umwege, die wir als Choreograph und Regisseur auf den Proben gehen: Aber in einem Text, in dem sich das Prinzip der Gemeinschaft zum Schluss als das eigentlich Göttliche erweist, wollen wir erst einmal die reale Gruppe der Darsteller stärken. Mit Vertrauensübungen, Tänzen und Improvisationen wollen wir ihnen klarmachen: Alles, was von Dir selbst kommt, ist wertvolles Material Du wirst gesehen, bist aber auch gefordert. Besonders die Frauen haben anfangs noch mit viel Schüchternheit zu kämpfen; wir ermutigen sie immer wieder aufs Neue.

Die liebevolle und herzliche Gastfreundschaft im Kloster ist wieder einmal überwältigend, obwohl momentan großes Gedränge herrscht: Die anderen Mitglieder des Ordens aus Syrien sind zu Gast, zum ersten Mal seit Jahren sind fast alle Brüder und Schwestern zum Austausch zusammen gekommen, zum ersten Mal seit der Befreiung von Pater Jacques Mourad aus der IS-Gefangenschaft.

Jacques selbst ist die Freundlichkeit in Person, er macht häufig charmante Witze, spielt mit den Kindern und kocht uns kaum zu bewältigende Berge von syrischem Essen. Der ganze Orden wirkt wie befreit. Doch unter der Freude ist immer auch wieder Anderes zu spüren: Die Gefangenschaft von Paolo dall´Oglio, dem Ordensgründer.

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Schon am zweiten Tag erreicht uns eine enttäuschende Nachricht: Einer der begabtesten Darsteller aus der Gruppe muss aussteigen. Seine Eltern gehen nach Syrien zurück, allein, ohne die Kinder — weshalb er wieder ins Flüchtlingslager ziehen muss, um dort auf seine beiden Schwestern aufpassen zu können. Wir suchen gemeinsam nach einer Lösung, und finden zum Ende der Woche einen Modus, dass er wenigstens zweimal wöchentlich an den Proben teilnehmen kann. Für die Frauen und Mädchen aus der Gruppe, die nach der Abendprobe nicht alleine nach Hause kommen, wird ein gemeinsamer Fahrdienst organisiert sind, denn ein Taxi ist oft zu unsicher für Mädchen alleine.

Unser Bühnentechniker Shahin ist ein freundlicher und theaterbegeisterter kleiner Mann. Er misst mit uns den Spielort aus der Rosengarten im Innenhof des Klosters Maryam al-Adhra dann besprechen wir das Bühnenbild: Es braucht Podeste, Tribünen und einiges mehr. Für den nächsten Tag ist unser erster Besuch in den Werkstätten des Marktes geplant, wir werden Schreiner, Schlosser, Teppichmacher treffen. Wir sind aufgeregt, denn es ist ein gutes Gefühl, das gesammelte europäische Geld für die Menschen vor Ort auszugeben, um die Iraker für ihre Arbeit fair bezahlen zu können.

Es ist uns gelungen, die Gruppe zu überzeugen, am Freitag, einem Feiertag, eine lange Probe zu machen. Dafür wollen wir ihnen auch etwas Besonderes bieten: Die erste Probe am Originalspielort, dem Klostergarten! Zunächst sind alle erschrocken, wie groß und mutig sie hier spielen müssen, doch dann gewinnen sie mehr und mehr Sicherheit, man hört und sieht es in Stimme und Körper. Vor dem Klostertor protestieren lautstark die ausgesperrten Kinder: Sonst haben sie überall im Kloster offene Türen, und jetzt gerade jetzt, als die Erwachsenen lachen, tanzen und Tierlaute machen – da sperrt man sie aus.

Es sieht gut aus mit der finanziellen Unterstützung durch das Auswärtige Amt. Die schlechte Nachricht aber ist: Es sind dafür noch unzählige Formulare auszufüllen.

Mittlerweile greift das Theaterfieber um sich: Unsere Regieassistentin Umaima und Harem, der Übersetzer, fragen, ob sie auch bei den Übungen mitmachen dürfen. Auch über Sulaymaniyah hinaus hat sich unsere Anwesenheit und unser Projekt herumgesprochen: Eine Jugendorganisation in Kirkuk fragt an, ob wir bei Ihnen ein zweitägiges Seminar geben könnten. Die Überlegungen sind sehr konkret, und müssen es auch sein: Denn es muss organisiert werden, dass wir mit dem Bus durch Kirkuk direkt zum Probenraum fahren, da dort westliche Ausländer immer wieder für ein horrendes Lösegeld entführt werden. Das ist schade, denn Kirkuk soll eine wunderschöne alte Stadt sein.

Die Vertrauensübungen zeigen Fortschritte. Jeder der Schauspieler sucht sich ein Tal aus, das die Vögel auf ihrer Seelenreise durchqueren, und schreibt dazu eigene Texte. Besonders die erst sechzehnjährige Jumana überrascht uns alle mit ihren ganz eigenen Überschreibungen der bekannten Sufi-Geschichten. Aber es gibt auch immer wieder Einschränkungen: So hat einer der Teilnehmer Arbeit in Erbil bekommen und kann zwei Tage nicht zur Probe kommen. Wieder wird klar: Hinter den Grundfunktionen des Lebens, der Notwendigkeit von Arbeit und Essen, und hinter der Familie muss die Probenarbeit zurückstehen.

Wieder eine gute Nachricht: Alle drei Flüchtlingslager in der Umgebung von Sulaymaniyah sind bereit, uns zu empfangen und mit uns gemeinsam zu prüfen, wo wir bei ihnen wir unsere Produktion spielen könnten. In einem der IDP-Lager (Internal Displaced Persons, das sind Menschen, die innerhalb des Iraks geflohen sind, meist aus Mossul) werden wir beim Spielen Wachschutz brauchen, da die ethnischen Spannungen sich dort oft in Handgreiflichkeiten entladen. Wie wird unser Besuch dort sein?!

Am Abend sehen wir den Dokumentarfilm einer NGO aus Beirut über syrische Flüchtlinge im Libanon, die durch verschärfte bürokratische Regeln dort festsitzen. Einer der Männer erinnerte mich an meinen Vater früher. Als er sein Neugeborenes im Arm hält, das nun staatenlos geboren ist, nimmt es mir den Atem: Das hätte, mit weniger historischem Glück in Zeit und Raum, ich sein können.