Die vierte und fünfte Probenwoche

Die vierte und fünfte Probenwoche

In einem langsam heißer werdenden Kurdistan werden jetzt, Ende Mai, auch die Proben zu unserem Stück THE IRAQI CONFERENCE OF THE BIRDS intensiver. Immer öfter lassen der Choreograph Paolo und ich die allgemeineren Theaterübungen der Proben übergehen in Abläufe, die einmal eine Szene der Aufführung werden könnten.

Der Ramadan hat mit Beginn des Neumondes begonnen, und so ist ab jetzt auch der Mond mit seiner zunehmenden Sichel unser zuverlässiger Begleiter bei den abendlichen Proben draußen im Klosterhof. Immer noch sind diese Außenproben eine Herausforderung für alle: Selbst wenn man es schafft, die auch nachts aufgedrehten Kinder der Umgebung für Stunden vom Hof zu bugsieren: Während der Proben geht das normale Leben im Hof weiter. Nicht nur die Gäste des Klosters, auch Handwerker, Verwandte, Betende und der schon berüchtigte Hund des Küsters bringen sich ein — und uns aus dem Tritt. Theater ist hier im friedlichen Teil Kurdistans nicht so wichtig, das lernen wir Europäer wie störrische Schüler jeden Abend neu.

P1060672 Pater Jacques Mourad mit den Kindern der Containerdörfer

Manchmal ist es aber gar nicht schlimm, selbst in heißen Nächten im Probenraum zu bleiben: Viele der selbst erfundenen Szenen der Gruppe sind noch zu brüchig, zu zart, um den Außenraum füllen zu können. Weder den Kindern, dem Hund, schon gar nicht dem Nachthimmel könnten sie schon standhalten.
Mutige Geschichten sind es, die die Teilnehmer der Gruppe entwickelt haben: Von einsamen Stunden am Morgen, in denen man Feirouz hört und sich nach seinem Balkon in Damaskus sehnt. Von den zitternden Händen des Vaters nach einem Bombenangriff, die eine beginnende Krankheit andeuten und am Schluss zum Koma führen werden, von Müttern, vor deren Tod man Angst hat, weil man davon per Whatsapp erfahren würde.
Geschichten von Gewalterfahrungen und extremen Verunsicherungen, bei denen selbst wir vom deutschen Team immer wieder ungläubig nachfragen, ob die Schauspieler diese Geschichten wirklich als Teil der Vorstellung erzählen wollen. Doch ja, sie wollen. Manche der Geschichten werden sich im Laufe der Proben verändern, manche werden nicht jeden Abend vorkommen — aber bis zu letzten Vorstellung wird die Szene, in der die Schauspieler einer nach dem anderen das Mikrophon nehmen und leise und eindringlich über ihr Leben berichten, für mich der stille Höhepunkt unseres Abends bleiben. Und alles andere, die Tänze, die Dialoge, die leichteren Zwischenspiele scheinen wie Vor- und Nachbereitungen dieses heißen, leisen Zentrums.

Unter anderem deshalb ist bei den Kinderproben unklarer denn je, wie sich ihre Szenen mit denen der Erwachsenen in nur wenigen Wochen zu einem Ganzen fügen sollen. Wie mit der anarchischen Energie der Kinder umgehen? Sie mit Disziplin in einen konventionellen durchgetakteten Theaterabend pressen ? Oder den Szenen den Übermut lassen, als Gegensatz zur Trauer und Sinnsuche der Erwachsenen? Auf dem verwuselten Markt in unserem Viertel entdecke ich seltsame, holzgeschnitzte rohe Spazierstöcke für alte gebrechliche Leute. Ohne richtig zu wissen warum, kaufen wir ein Dutzend davon für die Kinder und erfinden mit ihnen einen Tanz, mit dem sie sich über die Alten lustig machen dürfen, im Tanz die Stöcke wegwerfen und jung und ausgelassen tanzen. Irgendwo im Stück wird dieser Moment schon passen …

Inzwischen gehen die Vorbereitungen fürs Bühnenbild voran: Obwohl man sich bei der Hitze tagsüber lieber in die kühle Kapelle des Klosters legen würde, muss über Kostüme nachgedacht, müssen mehr Podeste konstruiert und geschreinert, und vor allem muss endlich ein Bühnenvorhang gekauft werden. Wir entscheiden uns für klassisches Dunkelrot. Nur genau diese Farbe ist dann, wie immer, in der großen Menge nicht auf Lager beim freundlichen Stoffverkäufer auf dem Markt, der immer denkt, er käme dem Sprachproblem von uns Deutschen bei, indem er alle Verkaufsgespräche auf Holländisch mit uns führt. Schliesslich enden wir halb arabisch, halb holländisch bei einem Vorhangstoff in schreiendem Blutrot, auch gut. Und dann plötzlich der Stolz, als der Zuschneider mit gekonnten, ausholenden Bewegungen die 50 Meter Stoff aufmißt: Unser erster eigener Bühnenvorhang, selbst gekauft und genäht — danke, Auswärtiges Amt, danke ihr Spender bei Kickstarter!

Conference of the Birds Rehearsals-7296

Unterdessen gehen die Vorbereitungen für die Gastspiele in den Flüchtlingscamps weiter. Als nächstes ist ein Treffen im Syrian Refugee Camp geplant, das allgemein als das einfachste und zugänglichste Lager beschrieben wird: Die Syrer gelten im Irak — durch welches positive Vorurteil auch immer — als die kulturell interessiertesten Menschen, zudem haben wir mit der dort stationierten italienischen NGO „un ponte per“ einen Partner, der die Idee von Theater für die Camp Bewohner begeistert aufgegriffen hat. Sogar in ihrer neuen Mehrzweckhalle können wir spielen.
Es erweist sich als Irrtum, dass dies der einfachste Auftrittsort sei — denn die Leitung des Camps scheint, obwohl freundlich, nicht sehr organisiert. Das merken wir schon beim ersten Treffen mit den gewählten Vertretern der Einwohner des Camps: Sie wissen von dem Termin nichts, versuchen jetzt, wo wir da sind, teils hektisch, teils erbost auf die kurdische Lagerleitung, die sie vergessen hat zu informieren, alle wichtigen Vertreter zusammen zu trommeln. Uns ist das peinlich, es gibt keinen Raum, es gibt keine Zeit, und vor allem haben diese Menschen an diesem Morgen ganz andere Dinge zu tun als deutschen Theatermachern zuzuhören. Auch als nach einer Stunde endlich fast alle Vertreter versammelt sind und für das Treffen ein Büro in der Größe einer ICE-Behindertentoilette aufgetrieben worden ist, explodieren just in diesem Büro die Probleme: Die Lagerleitung hat gerade den Prozess gestoppt, dass die neuen Bewohner ihre Identity Cards bekommen, und noch durchs offene Containerfenster bricht sich die Wut der Geflüchteten Bahn: Ohne diese ID-Cards können sie nichts tun, nicht mal das Lager verlassen. Mitten in all dem Streit raunzt uns schliesslich einer der Ältesten im Raum an: „Also, was ist das jetzt mit dem Vogel-Theater?“ Ich habe große Mühe nicht zurück zu raunzen, und sage mein humanistisches Sprüchlein auf: Über unser Stück der spirituellen Sinnsuche der Vögel, die eigenen Geschichten der Schauspieler — dass viele der Spieler aus Syrien sind betone ich besonders — unsere Frage nach der Sicherheit im Lager, unseren Wunsch, dass viele Frauen die Vorstellung sehen sollen. Egal welches Thema wir anschneiden, es geht mit den überarbeiteten Männern in dieser Runde nur langsam in freundlichere Fahrwasser. Der Einzige der gewählten Vertreter, der mir immer freundlich zunickt, wird nach 10 Minuten aus dem Raum gerufen, und ich denke am Ende der Sitzung: Das wird nichts, wir werden hier entweder gar nicht oder vor leeren Reihen spielen.

Doch je länger ich brauche, um das Projekt vorzustellen, desto weicher wird der Mann und mit ihm die anderen Ältesten. Als ich dann erwähne, dass wir aus Deutschland sind, scheint das Eis gebrochen: Der Sohn des Ältesten ist in Deutschland, erzählt sein Vater stolz. Wieder ein Junge, der irgendwo in der thüringischen Provinz mit der Last fertig werden muss, die Hoffnung einer ganzen syrischen Familie zu sein, denke ich. Aber nein, erstens ist er in der Nähe von Münster und zweitens geht es ihm gut. Was er denn da macht, frage ich höflich. Er studiert. Was denn? Deutsch und Body Building, erzählt der Vater und wird nicht müde, all das mit Photos zu belegen: Wir sehen einen schmächtigen Jungen, der vor einer Backsteinkirche selbstbewußt in die Kamera lacht. Noch nie habe ich einem Bodybuilder so viel Glück bei seiner Karriere gewünscht wie diesem Jungen an diesem Morgen. Das Treffen im Lager endet mit gegenseitigen Glückwünschen und der Hoffnung, dass unser „Vogel-Theater“ dort eine Chance hat.

P1060973

Shahin, unser Techniker, ist unermüdlich und überrascht uns ständig: Mal, indem er die neuen Podeste innerhalb nur eines Tages zusammenbaut, mal indem er uns völlig ungeplant großartiges Licht einrichtet für eine Nachtprobe im Garten. Uns deutschen Naivlingen war ja beim Beginn des irakischen Projekts eines nicht klar: Wir kommen gar nicht nur, um eine Produktion zu machen, wir sind dabei, ein ganzes Theater zu gründen, ob wir das wollen oder nicht. Umso schöner, dass in dem Moment, wo uns das langsam dämmert, es auch immer klarer wird: Wenn wir ein ganzes Theater sein müssen, ist Shahin mit seiner Arbeit als Schreiner, Beleuchter, Bühnenmeister, Ein-Mann-Werkstatt, technischer Leiter, Disponent und Teekocher mindestens das halbe Theater. und immer deutlicher wird uns, dass dieser theater- und menschenliebende mit Schwester Friederike und Pater Jens das Herzstück unserer Unternehmung ist.

Apropos Schwester Friederike: Sie war es, die uns inzwischen überredet hat, Mark, den verschlossenen, fast autistischen Jungen, der am Anfang beinahe die Kindergruppe gesprengt hätte, wieder in die Proben aufzunehmen. Und zu meiner Beschämung ist der Junge wie ausgewechselt und wild entschlossen, dabei zu bleiben. Trotz seiner enormen Konzentrationsschwierigkeiten tut er alles, um es richtig zu machen. Bis zum Schluss wird es für mich zu den wichtigsten Momenten der Aufführung gehören, wenn Mark zum Rundtanz der Kinder freudestrahlend meine Hand nimmt, mit der anderen Hand den Kreis schliesst — und sich sofort vertanzt, strahlend.

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