Die dritte Woche im Irak

Die dritte Woche im Irak

 

Eine gute Nachricht zu Wochenbeginn: Die Leitungen der Camps haben zugesagt, dass wir Treffen mit den gewählten Vertretern der Geflüchteten verabreden dürfen. Das ist dringend nötig, denn wir haben viele Fragen vor den Gastspielen mit unserem Stück: „Die irakische Konferenz der Vögel“: Zum Beispiel müssen wir rausfinden, wo die Fettnäpfchen sein könnten — das reicht von Ort und Uhrzeit bis zum Inhalt, schließlich wollen wir weder vor leerem Haus spielen noch eine Massenprügelei verursachen mit unserem Sufi-Märchen.
Die Lagerleiter äußerten bei den ersten Treffen ganz widersprüchliche, teils irrationale Ängste: Ist ein Theaterstück im Ramadan akzeptabel? Sind Jesiden vielleicht not amused wenn man ihre verehrten Vögel auf die Bühne bringt? Aber vor allem: Wie garantieren wir den sozialen Frieden und die Sicherheit aller Beteiligten (oder auch ganz einfach: wie verhindert man zum Beispiel, dass – so wie letztes Jahr im Kloster geschehen – Dutzende begeisterter Kinder die Bühne kapern und mitspielen wollen?) Die Schauspieler, die zum Teil selber mit NGOs in den Lagern arbeiten, berichten sogar von angedrohten Prügeln der Bewohner.

Die Proben gehen unterdessen voran: nach den Tälern, die die Vögel durchschreiten (jeder Schauspieler suchte sich eins aus), nach sehr komischen Improvisationen, warum man zu so einer harten Reise, wie der Sufi-Mystiker Attar sie beschreibt, vielleicht gar nicht aufbrechen will, geht es in dieser Woche um die Geschichten, die sich die Vögel während der Reise erzählen. Man merkt die Aufregung bei allen Beteiligten: Macht der deutsche Regisseur wirklich Ernst mit seiner Ankündigung, dass alle eine private Geschichte erzählen? Werden die Schauspieler sich trauen, von ihren harten Reisen zu berichten, die für sie traumatisch waren? Jetzt, da sie hier im kurdischen Teil des Irak sicher sind?
Wir retten uns erst einmal mit einer Vorstufe — der persönlichen Nacherzählung von Geschichten aus dem Epos selbst: Die Prinzessin, die sich in den Sklaven verliebt, die Nachtigall, die ihre Rose vermisst. Geschichten, bei denen man aussuchen kann, ob man in die Tiefe gehen will oder sie sich mit 1001-Nacht-Schmelz vom Leibe hält.
Bis dann Mohammed, einer der talentiertesten, aber auch selten anwesenden Darsteller alle mit einer Erzählung aus dem Buch überrascht, die wie eine Bombe einfährt: Der Engel Eblis weigert sich als einziger himmlischer Engel, sich vor dem Menschen zu verbeugen, dem neuesten Geschöpf Gottes. Dafür wird er von Gott als Rebell und Verräter verflucht, doch er hat als einziger Adam in seiner Mangelhaftigkeit gesehen. Durchs Ensemble geht ein Raunen, als er die Geschichte vorspielt: darf man das? Darf man Eblis darstellen, der nach diesem Fluch als Scheitan, also Satan, weiter durch Koran und Bibel geistert? Mohammed, der seine vielköpfige Familie ernähren muss, weil Vater und Bruder nach Deutschland geflohen sind, findet: ja. Er besteht darauf. Unsere Aufgabe ist es, diese Szene zu rahmen und zu schützen.

XP1080500 1. Probe mit dem Bühnenpodest

Im Kloster sind wir, die deutschen Theatermacher, mittlerweile bekannt wie die bunten Hunde: Auch wenn man uns beim Frühgebet vermisst, nähern sich uns die übrigen Klosterbewohner bei den gemeinsamen Essen und outen sich als Theaterliebhaber. Pater Jihad, zum Beispiel, ein arabischer Priester aus dem Mutterkloster Deir Mar Musa in Syrien, unterhält beim süßen syrischen Nachtisch das ganze Kloster, indem er ein 70er-Jahre-Musical der libanesischen Sängerin Fairouz vorsingt: Über den grausamen Herrscher und den standhaften Türsteher, der ihn nicht durchs Tor lässt. Es zeigt sich, dass Jihad das halbe Singspiel auswendig kennt, und er springt gekonnt, wahlweise grausam und standhaft von einer Rolle in die nächste. Während wir Tränen lachen, denke ich: Das kann sich in Deutschland auch niemand vorstellen, ein katholischer Priester, der Jihad heißt, singt uns beim Abendessen in einem irakischen Kloster ein libanesisches Musical vor.

Bei den Kindern nähern wir uns dem Topos der erschöpften Vögeln anders: Wir erzählen ihnen zunächst die Geschichte, und lassen sie dann malen: um zu sehen, was sie daran interessiert. Während die Mädchen ein Bild nach dem anderen mit bunten Pfauen bemalen, die durch tiefe Täler marschieren, tun sich die Jungen schwer— bis auf Frantz, ein schmaler Junge, der viel blödelt und riesige traurige Augen hat. Er malt ein großes Schiff, auf dem die Vögel zusammen um die Welt fahren, das findet er praktischer als zu Fuß. Viel Tränen dagegen bei einem anderen Jungen: Weil er nicht aufgehört hat, die Anderen beim Tanzen zu treten, wollen wir ihn aus der Gruppe nehmen. Er soll uns in den nächsten Tagen überraschen, als er zur „Theaternonne“ Schwester Friederike geht und inständig bittet, wieder in die Gruppe der Kindervögel aufgenommen zu werden.

Ein Problem taucht auf, mit dem der deutsche Stadtheaterregisseur noch nie konfrontiert war: Was machen wir während des Ramadans mit dem Fastenbrechen der muslimischen Schauspieler? Jeden Tag müssen die Mitspieler, die seit dem Morgengrauen weder gegessen noch getrunken haben, nach Sonnenuntergang ein gutes, üppiges Essen bekommen. Wenn sie das bei ihren Familien essen, und sich dann erst auf den Weg zum Theater machen, kann man eine Abendprobe vergessen. Wir versuchen, aus dem Problem eine Chance zu machen und beauftragen eine syrische Köchin, in den nächsten Probenwochen für die ganze Theatergruppe in der Klosterküche zu kochen. Das iftar, das muslimische Fastenbrechen wird dann jeden Abend um kurz nach sieben, also direkt nach der Marienandacht stattfinden: Herrlich! Und nachts auf meinem Zimmer das Kleingedruckte: wie beschreibe ich das jetzt im Förderantrag fürs Auswärtige Amt? Als „Catering“?
Das Bühnenbild macht derweil Fortschritte: Mehr Podeste werden geschreinert, Angebote für den Teppich werden eingeholt. Shahin, der Techniker, dessen Tochter Nadin bei den Kindern eine der tollsten Schauspielerinnen ist, weich und offen und wach, sägt und feilt unermüdlich, baut uns die Tonanlage im Klosterhof auf und freut sich über jede Albernheit der Schauspieler.

Am Abend wieder Proben mit den Musikern. Der persische Geiger kommt strahlend ins Kloster: Rohani hat im Iran die Präsidentschaftswahl gewonnen, der gemäßigte persische Präsident, der das Land sanft zum Westen öffnet, ist die Hoffnung aller iranischen Exilanten. Das ganze Ensemble versammelt sich hinter dem Smartphone des Geigers und guckt Videos von jubelnden, singenden Menschenmassen in Teheran. Dementsprechend inspiriert ist die Probe. Auch für mich als Regisseur, der ich immer wieder daran verzweifele, dass die Spieler bei den Proben im Rosengarten nicht endlich mutiger ihre Stimme erheben, gibt es Trost, als eine der Schauspielerinnen mich in der Teepause vertraulich zur Seite zieht und sagt: „Seit Jahrzehnten können wir auf der Strasse nicht mehr laut unsere Meinung sagen — wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen, dass wir das hier auf einmal dürfen. Du mußt Geduld mit uns haben.“

XP1080675 Proben fü den Traum vom Alt-sein (1)

Geduld braucht man auch bei den Kinderproben am nächsten Tag: zwar kommen sie jetzt, nach dem Ende der Schulprüfungen, endlich halbwegs regelmäßig zu unseren Proben, aber von Theaterszenen sind wir noch weit entfernt. Viel Spass haben sie bei einer Szene, bei denen sie aus den Koffern und Tüten kommen, die die geflüchteten wandernden Vögel zu Beginn zur Bühne schleppen (bevor sie im „Tal der Entsagung“ alles Gepäck hinter sich lassen müssen) — um dann den erwachsenen, erschöpft schlafenden Vögeln einen Traum bereiten zu dürfen. Im Moment sind es eher Alpträume, so grob zerren die Kinder an den armen Schauspielern herum, aber es ist ja erst in vier Wochen Premiere. Am Ende der Proben ein Schock: Einer der Jungen sagt eher beiläufig, dass er und viele andere der christlichen Kinder bei der Premiere ja leider nicht da sein können, weil sie mit ihren Eltern in ihre Heimatdörfer zurückkehren wollen um dort die ausgebrannten Häuser zu putzen und zu renovieren. Tatsächlich ist, seitdem christliche Siedlungen wie Karakosh zurück erobert wurden, die Hoffnung zum Greifen nah, dass die Geflüchteten rund ums Kloster bald in ihre Heimat zurückgehen können. Aber doch bitte nicht gerade in unserer Endprobenwoche! Ein eilig einberufenes Treffen mit den Eltern bringt Erleichterung: Noch bevor das deutsche Regieteam vom Übersetzer rausbekommen hat, was „Endprobenwoche“ eigentlich auf arabisch heißt, erklären sich die Familien bereit, erst NACH der Premiere in ihre verbrannten Häusern zu gehen und zu putzen.
Die Peschmerga-Kämpfer, die vor dem Kloster postiert sind, um uns zu bewachen, langweilen sich den ganzen Tag — zum Glück, es gibt keine Bedrohung. Sie wischen, ihre Kalaschnikow über der Schulter, lustlos auf ihren Smartphones herum. Heute aber nicht: Ein junger Wachsoldat hat ein Eichhörnchen mitgebracht und alle staunen es lachend an. Das kurdische Eichhörnchen knabbert ungerührt an einer Nuss und guckt seelenruhig zurück auf die Gruppe bewaffneter lachender Männer

Am Ende der Woche unser erstes Treffen mit den gewählten Vertretern aus dem Arbat Flüchtlingscamp: Zwanzig Menschen sitzen uns gegenüber, Männer und Frauen. Konservative Scheichs in weißen langen Gewändern mit perfekt gestutztem Bart, verschleierte Frauen und streng schauende ältere Herren mit Gebetsketten in den Händen, aber auch neugierig nickende junge Männer in Trainingshosen. Anspannung auf beiden Seiten. Wir haben beschlossen, das Projekt auch inhaltlich vorzustellen, also fange ich wieder an mit der beschwerlichen Reise der Vögel, die aufbrechen, um den Sinn des Lebens zu finden, und dabei an ihre Grenzen kommen. Ich bin nervös, weil ausgerechnet heute unser genialer Übersetzer Harem bei einem NGO-Frauenkongress arbeiten muss, und uns nicht beistehen kann. Stattdessen hat er seinen älteren Bruder geschickt, den ich nicht einschätzen kann. Kurz vor dem Treffen hatte ich wie nebenbei erfahren, dass dieser Bruder, Hemen, in Kurdistan ein berühmter Schriftsteller ist. Und dieser Mann wird heute Vormittag in diesem Verwaltungscontainer voller strenger Herren, der langsam von der gleißenden Sonne aufgeheizt wird — er wird unser absolutes Glück sein. Schon bei meinen Schilderungen des Sufi-Epos merke ich, dass er viel mehr übersetzt als ich sage, bis mich mitten in meinen Reden der am grimmigsten dreinblickende Scheich unterbricht und übersetzen lässt: „Wir haben verstanden, die Vögel, das sind wir. Wir haben kein Heim und lassen uns überall nieder.“ Wir sind verblüfft und sprachlos: Statt einem Gespräch über Security und Bestuhlung entwickelt sich ein Dialog über Flucht und Unbehaustsein. Selbst alle anderen heiklen Punkte scheinen kein Problem zu sein: Der gemeinsame Tanz, unsere Bitte, auch und vor allem die Frauen zu den Vorstellungen kommen zu lassen — alles wird begrüßt und genehmigt. (Unser Autor-Übersetzer gesteht uns später im Pick-Up die Wahrheit: „Ich habe ihnen einfach gesagt: Kommt Leute, ihr seid Iraker, ihr habt Kultur seit 4000 Jahren“). Und wir sind froh, uns für dieses Treffen eingesetzt zu haben, jetzt, wo die Lagerbewohner derart auf das Thema einsteigen.
Was für eine Verantwortung wir haben, zeigt sich am Schluß der Sitzung, als derselbe strenge Scheich noch einmal die Hand hebt: „Bitte: Wie endet das Stück? Schaffen die Vögel es, an ihr Ziel zu kommen? Schaffen wir es nach Europa? Oder müssen wir für immer hier bleiben?“ Ich schaue ratlos auf die Resopaltischplatte vor mir und sehe darauf den blauen verblassenden UNHCR-Stempel. Was soll ich diesem würdigen Mann auf seine klare Frage sagen? Muss der Scheich, der sich als Vogel begreift, für immer hier bleiben?

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