Die zweite Woche im Irak

Die zweite Woche im Irak

Die Idee der Begegnung und Aussöhnung von Christentum und Islam — und darüber hinaus aller Religionen — steht im Mittelpunkt der Arbeit der Ordensgemeinschaft Mar Musa, die ursprünglich in Syrien gegründet wurde. Dieser Idee ist auch das auf mehrere Jahre angelegte Engagement von Regisseur Stefan Otteni und Choreograph Paolo Ragano im Nordirak verpflichtet: Auf dem Klostergelände von Maryam al-Adhra, dem irakischen Ableger des Ordens, erarbeiten sie mit geflüchteten Syrern und Bewohnern der Stadt Sulaymaniyah Theaterprojekte und leisten damit einen künstlerischen Beitrag zur Versöhnung zwischen den Religionen und Nationen. Ihr erstes Stück, Die irakische Konferenz der Vögel, wird im Juni Premiere haben.

Probentagebuch – zweiter Teil

Die zweite Woche beginnt mit der ersten Kinderprobe: Bei den meisten sind endlich die Prüfungen in der Schule vorbei, sie können die Nachmittage mit uns verbringen. Bei einigen aber gehen sie bis kurz vor der Premiere – da braucht es viel Überredungskunst und Einzelbesuche, um die Eltern zu überzeugen, dass Theater nicht nur Zeitvertreib und Rumhampeln ist, sondern auch soziales Lernen und Fokussieren, das den Kindern selbst bei Hausaufgaben zugute kommt.

Da die Kinder nur nachmittags proben können, die Erwachsenen nur abends, braucht es einige logistische Anstrengungen, sie in einer Produktion zusammen zu bringen. Wir planen, mit den Kinder in separaten Proben eine eigene, verspieltere Ebene von Attars Vogelreise zu entwickeln: Immer, wenn die erwachsenen Vögel sich nach einer Etappe zum Schlafen legen, werden die Kinder ihre Träume spielen. Wenn das mal gut geht…

Wir wollen aus den Anfängerfehlern des letzten Jahres lernen und die Gruppe nicht zu groß werden lassen. Bei den Spielen und Tänzen zeigt sich wieder: Einige der Kinder brauchen keine deutschen Regisseure, sondern kurdische Sonderpädagogen, so traumatisiert und sozial ungelenk sind sie. Auch wenn alle mit Begeisterung dabei sind: Geschlagen und getreten wird sowohl bei den Kreistänzen als auch bei den Vogelimprovisationen.

Am nächsten Tag große Anspannung: Antrittsbesuch in den Lagern. Mit unserem Übersetzer Harem, auch ein Genie im Türöffnen in alle sozialen Milieus, die für uns neu und voller Fettnäpfchen sind, treffen wir die Lagerleiter der drei größten Camps um Sulaymaniyah. So unterschiedlich die Camps sind, so unterschiedlich die Bedingungen und Bedenken bei der Vorstellung unserer Pläne, für die Bewohner aufzutreten: Während man in Baraka, dem Syrian Refugee Camp begeistert ist, eine Infrastruktur und Erfahrung mit Veranstaltungen hat, sind in den IDP* Camps die Bedenken größer: Im ersten Camp hat der theaterinteressierte Herr Tariq Bedenken, dass Theaterspielen im Ramadan bei den konservativen Bewohnern mehr Unmut als Freude stiftet, vor allem, wenn Männer und Frauen zusammen tanzen. Sollen wir anbieten, das Stück ohne Tänze zu zeigen?! Im Ashti-Camp sind die sozialen Spannungen zwischen Muslimen und Jesiden das vorherrschende Thema. Hier gibt es keine Halle, und der Hof der Lager-Schule fällt als Spielort aus, da sich dort die Jesiden nicht sicher fühlen. Wir wollen aber gerade diese Gruppe ansprechen: Mit ihrer sehr eigenen Glaubenswelt, in der Melek Taus, der „Engel Pfau“ als Hauptgottheit verehrt wird, haben die Jesiden eine besondere Beziehung zu Vögeln. Der einzige Platz, der in Frage kommt, ist mehr Brache als Versammlungsort. Was werden die Schauspieler zu diesem ungeschützten Ort sagen?
Alle drei Camp-Leiter machen zur Bedingung, dass wir die Erlaubnis bei der UNHCR-Leitung beantragen. Die trifft sich hochherrschaftlich zum großen Clustermeeting am Ende der Woche. Wie kommen wir rein? Harem verspricht, sein Bestes zu tun.

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Im Kloster unterdessen ein Kommen und Gehen: Besuch aus Kanada, Italien, Frankreich, Syrien. Huda, seit Pater Paolos Verschleppung Leiterin des Ordens, ist eine bescheidene, liebenswürdige syrische Frau, die gerne lacht und alle still beobachtet, als könne sie nicht glauben, dass sie ausgerechnet hier versammelt sind. In der Seitentür des Kloster-Pick-ups entdecke ich eine Ausgabe des letzten Buch des Ordensgründers Paolo Dall´Oglio: „Die Wut und das Licht“, in dem er mit dem syrischen Regime wie auch den westlichen Regierungen hart ins Gericht geht. Eine eminent politische Sicht des Evangeliums wird hier beschrieben und gelebt.

Am Abend: die Musiker sind da! Vier Musiker, die sich lange kennen, haben sich bereit erklärt, mit uns sechs Wochen lang zu proben: Nur für die Konzerte mit dem Sulaymaniyah Philharmonic Orchestra müssen sie fehlen. Geht klar, wir können sie uns eh nur dreimal die Woche leisten – und fangen, überglücklich, endlich von den Tonkonserven wegzukommen, gleich nach dem ersten Tee mit dem Improvisieren an. Die Musiker, das sieht man ihnen an, haben so etwas noch nie gemacht, sagen aber aus Höflichkeit nichts, sondern machen amüsiert alles mit. Der persische Geiger baut immer wieder kleine Stücke von Bach und Mozart ein und blinzelt mir verschmitzt zu: Indogermanen unter sich. Während der Übersetzer ins Schwitzen kommt, weil er jetzt in drei Sprachen parallel übersetzen muss: arabisch, kurdisch, persisch.

Beim Schreiner, der unsere Bühne herstellt, stehe ich wie ein Kolonialherr herum, verstehe kein Wort und sehe dabei zu, wie ein halbes Dutzend Männer nickt, raucht, an Hölzer fasst, und sich am Kinn kratzt. Die Wahl der Materialien wird geklärt, arabische Zahlen werden auf Zettel geschrieben. Dann ist man sich einig: Ein Kurde, ein Perser und ein Christ aus Quarakosh werden im Irak mit Holz aus Kanada, Deutschland und mit thailändischen MDF-Platten eine Bühne für arabische, kurdische und deutsche Schauspieler bauen.

Die Proben mit den Erwachsenen machen große Freude: Die vier Musiker sind ein großer Gewinn: Sogar improvisieren können sie! Wir lassen jeden Schauspieler ein Instrument als Partner für ihre Figur aussuchen – die Dialog-Improvisationen gehen regelmäßig in Gelächter unter: Worte sind eben nicht alles. Die Tänze werden wie aus dem Nichts zu einem neuen Niveau von Melancholie gehoben, wenn Saz, Klarinette, Geige und die kurdische Trommel Daf sie begleiten.

Übersetzer Harem, der Gutvernetzte, hat es tatsächlich geschafft uns in die UNHCR-Sitzung zu schleusen: Wir werden genau fünf Minuten haben, um unser Projekt vorzustellen. Auf dem Dach des Klosters, wo wir wegen der vielen anderen Gäste, in der Kapelle untergebracht sind, probiere ich laut vor mich hin, um das Projekt so knapp zusammen zu fassen. Die Schwalben Kurdistans, die wegen des kommenden Gewitters tief an mir vorbeifliegen, schauen ungerührt zu.

Morgens wieder beim Schreiner, der Prototyp für die Podeste soll begutachtet werden. Passiert ist gar nichts, eine ganze Strasse Handwerker sitzt schlecht gelaunt in der Sonne herum, der Strom ist wieder mal ausgefallen. Wir beraten was man tun kann: Es gibt einen Generator, aber das Benzin dafür ist zu teuer. Ich lerne das schöne kurdische Wort für „Generatoraufschlag“, vereinbare den Preis, das alte Gerät wird qualmend angeworfen, und unter den Augen der ganzen Strasse entsteht unser erstes Bühnenteil. Der Lastenträger, ein älterer Herr in Pumphosen, legt es und das restliche Holz auf einen Wagen und schiebt ihn ins Kloster.

Danach Fahrt in den vornehmen Teil der Stadt: Die Sitzung im UNHCR-Hauptquartier beginnt. Viele wichtige Herren und Damen aus 15 Nationen sitzen um einen schweren großen Holztisch herum, der, mit Wimpeln bestückt, den absurden Prunk eines oval office kopiert, und diskutieren die anliegenden Probleme der Lager: Die Stadt Sulaymaniyah hat in den letzten Jahren ihre Bevölkerung durch die Geflüchteten fast verdoppelt, auf jetzt knapp 2 Millionen Einwohner. Endlich sind wir dran – und auf einmal ist alles ganz einfach. Herr Karman, der kurdische Leiter des UnHCR, findet das Projekt gut und bittet alle, von Lagerleitung über die NGOs bis zum Geheimdienst, uns zu unterstützen. Viel freundliches Nicken, viel tamam (alles klar). Tee wird gereicht. Etappensieg.

Euphorisch geht’s zu den Kinderproben. Es stehen schwere Entscheidungen an: Soll man die schwierigsten autistischen Kinder vom Projekt ausschließen, um die Gruppe zu retten?
Schwester Friederike vom Kloster Maryam Al-Adhra stehen schwere Gespräche mit den Eltern bevor.

Große Aufregung wegen Shahab, dem Kölner Dokumentarfilmer, der unsere Probenzeit begleitet. Bei den Kindern ist der freundliche Zwei-Meter-Mann mit seinem langen Haaren und dem langen Bart sehr beliebt – bei den Peschmerga-Wachen vor dem Kloster löst er dagegen einen mittelschweren Großalarm aus, als er sich zum ersten Mal auf dem Dach des Klosters zeigt: Frisur und Kleidung lassen ihn exakt so aussehen wie die europäischen IS-Kämpfer rund um Mossul. Obwohl er sich dann offiziell beim Wachdienst vorstellt, rät ihm die Klostergemeinde beim Frühstück geschlossen: Wenn er hier ein ruhiges Leben haben will, muss der Salafistenbart ab.

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Umaima, Schauspielerin und bei uns Regieassistentin, möchte uns zu einem syrischen Abendessen einladen. Wir sagen zu, ohne zu wissen, was uns erwartet: Wenn es Tische gäbe, würden sie sich biegen – wir aber essen auf dem Boden, ein Dutzend Speisen in Mengen warten auf uns. Mit dabei auch die kleine Rojda aus der Kindergruppe, die uns schon vor dem Essen zeigen will, dass sie die Tanzschritte aus der letzten Probe geübt hat. Sie und ihr kleiner Bruder Omar sind mit den Eltern aus dem syrischen Kurdistan hierher geflohen. Die scheinbar unbeschwerten Kinder haben mehr mitbekommen von Krieg und Vertreibung, als wir uns vorstellen können. Mitten im Gespräch der Erwachsenen dreschen sie immer wieder auf ihre mitgebrachten Handpuppen ein: „This is what war has done to our children“ sagt Rojdas Mutter ernst, als sie sieht, wie erschrocken ich bin.

Abendprobe: Das erste Mal machen wir die Tänze mit Livemusik im Original Bühnenraum, also dem Klostergarten, vor allem für die Schüchternen eine große Mutfrage. Weil der cholerische Hund des Küsters das ganze erste Stockwerk zusammen bellt, fängt die Außenprobe viel zu spät an, aber wütend werden hilft hier nichts, und so beginnen die Schauspieler eben erst weit in der Dämmerung mit ihrem Tanz an, tanzen ins Dunkle, tanzen schließlich, ohne irgendwas zu sehen, einfach weiter. Selbst der gestresste Regisseur muss zugeben: Etwas Schöneres kann es nicht geben, als unter einem kurdischen Sternenhimmel zu tanzen mit einem wütenden Pudel, vier verwirrten Musikern und zehn Schauspielern, die einander blind vertrauen.

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